Wer bin ich? DelGaudio bewegt

deögaidop5Es ist die Zauberperformance, die mich wohl am meisten beschäftigt. Derek DelGaudio´s Stück im Roth Theater in New York hat mich tief beeindruckt, aufgewühlt und berührt. Vielleicht liegt es auch daran, dass es eben genau das nicht ist, was ich dachte: Eine Zaubershow.

In 75 Minuten beschäftigt sich DelGaudio in einem Monolog über Geheimnisse und Identitäten.  Wer sind wir und wie wollen wir gesehen werden?
In zunächst etwas unzusammenhängenden Geschichten entwickelt sich eine Abrechnung mit seiner eigenen Identität. Eine Geschichte, die betroffen macht, vielleicht auch deshalb, da es uns vor Augen führt, dass diese Suche eine Kluft zwischen Wunsch und Realität ist.

Es beginnt damit, dass jeder Zuschauer von einer Wand eine Bezeichnung auf einem Zettel wählt, mit der er gerne charakterisiert werden möchte. 100-te Möglichkeiten hängen dort.
Von Workaholic über Partyqueen, Demokrat, Vater, ……….
Die Zuschauer wählen überlegt aus, es ist kein Gag, sondern man wird gebeten seine wahre Berufung zu wählen. Dann begibt sich das Publikum auf ihre Plätze.

delgaudio2Das Theaterstück – wir wollen es ab jetzt so nennen – beginnt mit 10 Minuten Verspätung. Das 155 Sitze fassendes Theater ist auf den letzten Platz gefüllt. Die Show spielt täglich und ist praktisch seit Jahren immer ausverkauft.

Das Bühnenbild besteht aus einer Wand in der in Nischen sechs Objekte ausgestellt sind. Mögliche Identitäten, aus denen Derek im Laufe des Stücks seine eigene herausfinden wird. Um jede dieser Identitäten entwickelt sich eine Geschichte mit einem magischen Ende. Die Geschichten berühren und helfen selbst, sich über die eigene Identität, die Diskrepanz zwischen Realität und Wunsch klar zu werden.
Sechs magische Effekte unterstützen diese Geschichten. Es ist nicht die Geschichte die die Zauberkunst unterstützt, sondern umgekehrt.
Und das obwohl die Magie umwerfend ist und einem den Boden unter den Füßen wegzieht.
Doch wir sind schon so tief in das Stück eingetaucht, dass es nicht zur Effekthascherei wird.

delgaudioDas Stück baut langsam auf und wird intensiver bis hin zu einem dramatischen Ende.
DelGaudio findet seine Realität, die anderen Möglichkeiten verschwinden.
Dazwischen unglaubliche magische Präsentationen. Diese sind teilweise so ungewöhnlich, dass man die Vielschichtigkeit erst nach und nach begreift.

In einem der nächsten Ausgaben des Aladins werde ich mich nochmals intensiv mit dem Stück beschäftigen, Hintergründe beleuchten. Es ist kein Theaterstück, keine Show, die man in ein paar Sätzen beschreiben kann.
Sie lebt vom Erleben, denn jeder der Zuschauer wird am Ende mit seiner eigenen Geschichte konfrontiert. Das kann ganz schön schmerzhaft sein.

delgaudio3Wer das Stück sieht und eine Zaubershow erwartet wird enttäuscht sein. Es ist kein netter unterhaltsamer Abend der amüsiert und belustigt. Ich würde es als berührend, aufrüttelnd, betroffen machendes Drama bezeichnen.

Es hat seinen Grund warum die Schauspielergarde wie Woody Allen, Robert de Niro, Barbara Streisand oder Steve Martin die Show längst gesehen haben und in den höchsten Tönen davon schwärmen.
Und die Zauberei?
Der New Yorker Theaterkritiker Alexis Soloski bringt es auf den Punkt:
„Wenn du ein rastloser Denker bist oder eine Allergie gegenüber dem Staunen hast, dann kannst du darüber grübeln, wie die Effekte zustande kommen, aber wo bleibt dabei das Vergnügen? Echte Wunder sind ein rares Gut in der heutigen Zeit“

Der Produzent Neil Patrick Harris, der Regisseur Frank Oz und weitere hochkarätige Spezialisten haben Derek DelGaudio unterstützt, dieses Erfolgsstück – das bereits in Los A ngeles zu sehen war – auf die Bühne zu bringen.

 

deögaidop5In & Of Itself
Off Broadway, Magic, Variety Show,
75 Minuten
Spielt noch bis: Aug. 18, 2018
Daryl Roth Theater, 101 E 15th St, New York

Abfahrt von New York.
Drei unglaubliche magische Abende, die gezeigt haben wie unterschiedlich aber qualitativ hochwertig und kreativ Zauberkunst sein kann.
Steve Cohen– der Perfektionist und Präsentator von wundervoller Salonmagie die begeistert und täuscht.
Joshua Jay– der Experimentator auf neuen Wegen Zauberkunst zu einem Erlebnis der Sinne zu machen.
Derek DelGaudio– der Mann, der durch seine Geschichte und starker Magie es geschafft hat, mich mit mir selbst zu beschäftigen und grenzenlos dabei zu täuschen.

 

Die Frage: „Wer hat dir am besten gefallen?“ stellt sich nicht. Zu unterschiedlich waren die Ansätze, zu außergewöhnlich die Konzepte. Die hohe Qualität war das gemeinsame.
Alle auf Ihre Art.
Bei allen Stücken war ich traurig, als es vorbei war. Ich hätte gerne mehr gesehen.
Das Kürzen von Soloshows auf ein Maß von max. 75 – 90 Minuten würde jedem sehr gut tun. Die meisten Soloshows, die ich die letzten Jahre gesehen habe, waren ganz einfach zu lange.  Es braucht Mut zur Reduktion auf den Kern. Aber was du in der Zeit nicht erzählen kannst fehlt niemanden. Aber es ist wichtig, dass der Hunger bleibt. Der Hunger nach mehr….
Alles andere würde sich das verwöhnte Publikum in New York kaum gefallen lassen.
Damit enden meine Berichte aus New York.

Vier Tage sind wir nun in Niagara Falls und Detroit unterwegs.
Ok Niagara Fälle ist ja beeindruckend, aber was um aller Welt macht ihr in Detroit, dem Ort der durch die kriselnde Automobilindustrie von einer 1,7 Mio Stadt zu 700.000 Einwohner geschrumpft ist. Es ist das Gebiet in dem Trump seine besten Wahlergebnisse erzielt hat. Eine Stadt, die deutlich zeigt, welche Auswirkungen Industrielle Automation auf die Bevölkerung haben kann. Und damit werden wir uns in Zukunft auch in Zeiten der Digitalisierung in Europa beschäftigen müssen. detroit2
Kein Urlaubsziel aber ein Stück Amerikanische Geschichte, die hilft manches aus anderen Augen zu sehen.

Dann werde ich wieder aus Cincinatti berichte, wo es ein exklusives Einladungstreffen über Geschichte der Zauberkunst gibt. Ken Klosterman öffnet seine drei privaten Zaubermuseen, die den Vergleich mit David Copperfield nicht zu scheuen braucht. Deshalb ist er auch regelmäßig in seinem Imperium tief unter der Erde in einem ehemaligen Bergwerkstollen. Aber lassen Sie sich überraschen…
klosterman



Kategorien:Info:, USA Reise 2018, Zauberszene USA 2018

1 Antwort

  1. Für mich zeigen die Berichte auch, dass man sich in den USA als Vertreter der Zauberkunst einiges einfallen lässt, um die begehrten Zuschauer „Ins Haus“ zu bekommen. Dort wo der Markt absolut überlaufen ist und die Mieten nicht gerade günstig sind.

    Wie heißt es doch so schön?
    Not macht erfinderisch. Sicher ist niemand der erwähnten Vertreter in Not, dennoch zeigen diese Schilderungen, dass man nie stehen bleiben darf. Wenn man aufhört zu wachsen, ist dies der erste Schritt zurück.

    Vermutlich wird nicht alles, was die kreativen Köpfe da so auf die Beine stellen jedem gefallen. Durch eine blaue Tür sich einem vielleicht unheimlichen Abenteuer anzuvertrauen – ohne Kontrolle, mit einem grauen Tuch über dem Kopf – wird viele wohl abschrecken (siehe Bericht von Hanno Rhomberg vom 17. Juni).

    Auch hier bei Del Gaudio´s Stück wird sicher nicht „normales“ Publikum angesprochen. Nein, wenn ich das richtig verstehe, ist das Stück sehr speziell und regt die Zuschauer an, sich damit und sich selbst intensiv auseinanderzusetzen. „Leichte Unterhaltung“ geht anders, aber die gibt es hundertfach schon irgendwoanders.

    Wer bereit ist, aus konventionellen Bahnen auszubrechen und seinen geistigen Horizont zu erweitern, dürfte vermutlich voll auf seine Kosten kommen. Schade, dass es solche Sachen nicht in Deutschland gibt (oder kenne ich sie nur nicht?).

    Dass dieses Stück seit Jahren bis auf den letzten Platz ausverkauft ist, spricht für sich!

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