„Die wollen das!“

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Gastbeitrag Pierre Castell, Köln

Als ich mir 1974 zum ersten Mal Angebotslisten und Kataloge von Zaubertrickhändlern zusenden ließ, wunderte ich mich darüber, dass die angebotenen Tricks fast immer nur mit Skizzen abgebildet waren. Die Zeichnungen waren oft kleine Kunstwerke und sie gaben nicht nur das ungefähre Aussehen der Zauberapparate sondern auch gleich das Stimmungsbild und den scheinbaren Erfolg beim Publikum wieder. Man sah begeisterte applaudierende Zuschauer, die suggerierten, wenn man den Trickapparat kauft, ist man ein gefeierter Zauberkünstler.

Damals gab es in Deutschland kaum Händler, die ihre Zauberapparate anstatt mit solchen Zeichnungen mit Fotos anboten. Man kaufte im Grunde die Katze im Sack. Wenn ich mich nicht irre, war Werry (Werner Geissler) in Deutschland der erste Händler, der seine Tricks auf Fotos präsentierte. Endlich konnte man sehen, wie der Apparat tatsächlich aussah.

Die Fotos waren in Schwarzweiß, Farbdruck war zur damaligen Zeit noch sehr teuer. Mit der Zeit folgten auch andere Händler mit Fotoabbildungen, dennoch behielten die meisten unter ihnen überwiegend die Werbung mit Zeichnungen bei. Die Jahre vergingen und irgendwann kamen die Werbeprospekte der Händler mit Farbfotos auf den Markt.

Die jüngeren Leser können sich vermutlich gar nicht vorstellen, dass man damals kein Internet hatte und deshalb auf die gedruckten Angebotslisten bzw. Kataloge angewiesen war. Das Vertrauen zum Händler musste sehr groß sein, wenn man früher Apparatetricks nur aufgrund „wilder“ Zeichnungen bestellte und viel Geld für die Requisiten ausgab. Der erste Händler, dessen gezeichnete Abbildungen am realistischsten aussahen und vorbildlich gewesen sind, war Manfred Thumm („The magic hands“). Bei ihm bestellte ich mir damals einen sündhaft teuren Beistelltisch, der in sechs Teile zerlegbar ist. Dieser Tisch war das Beste, was man zur damaligen Zeit in Deutschland kaufen konnte. Ich besitze ihn noch heute. Ansonsten konnte ich mit den angebotenen Tricks und Apparaten dieses Händlers aber nichts anfangen. Die in meinen Augen schrecklichen Glimmerrequisiten fand ich grauenvoll. Hinzu kommt, dass ich schon sehr früh erkannte, dass ich nicht mit speziellen Utensilien sondern nur mit ganz normalen Alltagsgegenständen arbeiten möchte.

Ich bedauere die vielen Vorführer, die damals in ihren Darbietungen Requisiten und Apparate verwendeten und sich diese von Händlern per Paket ins Haus liefern ließen. Es ist zu vermuten, dass sie nach dem Auspacken oft bitter enttäuscht waren. Was als Zeichnung eines Zauberapparates mit einem gut formulierten Katalogtext viel versprach, war in häufigen Fällen für einen Künstler mit Stil und Klasse zumeist unbrauchbar. Dabei meine ich nicht die Funktion des Gerätes, sondern das Aussehen des Apparates. Mir war schon immer bis zum heutigen Tag unverständlich, wieso solche Sachen in fürchterlichen Farben und Muster dekoriert sind. Da findet man orientalische Muster, chinesische Schriftzeichen und ähnliches. Was soll das? Die allermeisten Vorführer präsentieren ihre Show nicht als Chinese, sondern Europäer.

Weshalb werden die Requisiten so dekoriert? Und warum in diesen fürchterlichen Farben? Für Kindervorstellungen vielleicht noch nachvollziehbar, aber doch nicht für ein erwachsenes Publikum. Jeder der sich mit Farben auskennt, weiß, wie sich diese jährlich verändern. Ein in diesem Jahr aktueller Blauton sieht im nächsten Jahr schon wieder ganz anders aus. Die Autoindustrie investiert jährlich große Geldsummen, um herauszufinden, welche Farben demnächst im Trend liegen. Farben – eine Wissenschaft für sich. Schauen Sie sich mal bitte die Farbe eines alten Autos aus den 1970´er Jahren an und vergleichen Sie die Farbe mit der eines aktuellen PKW´s. Sie werden sehen – rot ist nicht gleich rot.

Während die Auto- und Bekleidungsindustrie usw. ihre Farben ständig aktualisieren, um ihre Produkte modern zu gestalten, habe ich den Eindruck, dass sich in der Branche der Zaubertrickhändler in diesem Punkt kaum was geändert hat. Man findet die gleichen Apparate noch immer in denselben Farben wie vor vielen Jahren. Das gleiche hässliche Deko-Geschnörkel, die gleichen inzwischen längst nicht mehr zeitgemäßen Farbtöne.

Vor ca. 20 Jahren sprach ich mal einen bekannten Händler darauf an. Der Mann antwortete, dass seine Kunden das so wollen. Die allermeisten Kunden seien Amateurzauberer oder neugierige Personen, die solche Apparate nur bestellen, um das Trickgeheimnis zu erfahren. Danach stünden die Sachen sowieso nur rum und würden nicht vor Publikum vorgeführt. Als ich ihn auf seine Tücher ansprach, deren Farbtöne ebenfalls mindestens seit 10 Jahren verstaubt waren, zuckte er nur mit den Achseln.

Jede Woche erhalte ich von fünf der bekanntesten deutschen Händler per E-Mail ihre neuen Angebotslisten. Seit Jahren werden inzwischen Fotos abgebildet, um die offerierten Tricks und Apparate sowie Illusionen darzustellen. Und jede Woche denke ich: Seltsam, dass noch immer die hässlichen nicht zeitgemäßen Farben verwendet werden. Da ich viele der Angebotslisten noch zusätzlich per Post zugeschickt bekomme, ergab sich, dass ein freundlicher Nachbar aus dem Haus von nebenan bei mir klingelte und Post abgab, die er versehentlich öffnete, da die Zustellerin den Werbebrief des einer der bekanntesten deutschen Zaubertrickhändlers fälschlicherweise in seinen Briefkasten warf.

Er schmunzelte und fragte sinngemäß, ob ich solchen Kinderkram bestellen würde. Ich antwortete ihm, dass ich in meinem Beruf als Show-Taschendieb auf der Bühne zwar keine Zaubertricks vorführe, mich dennoch nebenbei für gute Tricks interessiere und sie manchmal privat jemanden zeigen würde. Worauf er erwiderte, dass ich doch als Profi meine Tricks bei professionellen Händlern bestellen sollte, nicht in solch einem „Scherzartikel-Kinderladen“. Ich musste schlucken und sagte ein wenig beschämt, dass der Versender dieser Angebotslisten zu den führenden Händlern Deutschlands gehöre.

Der Nachbar, der als Werbegrafiker arbeitet, konnte nicht glauben, dass ein professioneller Händler Prospekte verschickt, die derart schlecht gemacht sind. „Sowas geht wohl nur in eurem Metier, in jeder anderen Branche wären Händler mit solchen Angebotslisten schnell pleite!“ Er hatte sich die Texte zwar nicht durchgelesen, kritisierte aber die schlechte Grafik und die „schlimmen“ Farben sowie Schrifttypen und einiges mehr.

Dieser Nachbar sprach mir aus der Seele. Er hat aus meiner Sicht völlig Recht. Wenn ein kleiner unbedeutender Händler, der kaum Umsatz macht, schlechtgestaltete Prospekte verschickt, kann ich das verstehen. Aber verdienen unsere „alten“ – seit Jahrzehnten agierenden Händler – wirklich so hervorragend, dass ihnen das Niveau ihrer Werbung egal ist?
Scheinbar ja. Man muss kein gelernter Grafiker oder Web-Designer sein, um die Angebotslisten – unabhängig davon, ob sie online oder per Briefpost an den Mann gebracht werden – ein wenig übersichtlicher und besser zu stylen.

Warum ist Vieles in unserer Szene so verstaubt? Handelt es sich um Nachlässigkeit? Schlechter Geschmack ist keine gute Werbung. Ich befürchte leider, dass sich diese Gleichgültigkeit über Jahre gefestigt hat. Nach dem Motto: „Die Kunden bestellen ja sowieso, ob zeitgemäß dekorierte Apparate oder nicht. Egal, wie die Prospekte aussehen, bestellt wird immer.“

Naja. Was sagen Sie als Leser dazu?

Ihr Pierre Castell

 



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3 replies

  1. Hallo Victor,

    da fällt mir echt ein Stein vom Herzen. Ich dachte nämlich, ich sei der Einzige, dem das aufgefallen ist. Selbstverständlich möchte ich keine Händler verärgern. Nur dazu anregen, sich Gedanken darüber zu machen. Es fällt eben auf, wenn die (für mich) beste und fairste sowie älteste Firma in Deutschland absolut nichts daran ändert.

    Victor, habe mir soeben mal Deinen Artikel zum Thema durchgelesen – wir sind völlig der gleichen Meinung.

    Übrigens:
    Von dem im Artikel erwähnten sowie einem weiteren sehr bekannten Händler erhalte ich seit Erscheinen meines Beitrags keine Angebotslisten mehr. Offensichtlich habe ich da wohl einen empfindlichen Nerv getroffen. Anstatt mal über eigenes Verhalten/Fehler bzw. Nachlässigkeit nachzudenken, stellt man sich lieber stur – ist ja auch einfacher…und billiger!

    Beste Grüße aus Köln
    Pierre Castell

  2. Bei der Gelegenheit darf ich alle Leser auf die interessanten Beiträge auf der HP von Victor Lazarro hinweisen, die ich selbst regelmäßig lese:
    http://www.lazarro.de/news/

  3. Ein sehr interessantes Thema, auch wenn nicht wirklich jeder Zauberer darüber sprechen möchte. Ich glaube es krankt einerseits an der Branche selbst, denn wir sind ja meist Solokünstler, immer auf der Hut, dass uns niemand eine Idee wegschnappt und viele Händler kommen aus der Schleife einfach nicht mehr raus. Von „außen“ kommt hier nicht wirklich viel Neues, denn wir sind ja ein eingeschworener „geheimer“ Kreis, die Konkurrenz ist zwar nicht wirklich groß, aber der Markt eben auch nicht …
    Ich habe vor kurzem über ein ähnliches Thema geschrieben: http://www.lazarro.de/zaubershops-einfluss-zauberkunst/. hier ging es mir hauptsächlich um die Newsletter, hier deckt sich das Thema genau mit dem obigen …

    Grüße Victor

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