Pierre Castell – Aschermittwoch ist alles vorbei…

Am heutigen Aschermittwoch ist alles vorbei!

Ja, und ich sage: ENDLICH sind die närrischen Tage vorbei.

Zu keiner anderen Jahreszeit sieht man so viele Stümper zur besten Sendezeit auf diversen Bühnen der Festsäle und im Fernsehen.

Ich gönne jedem Jeck seinen Karneval. Aber müssen wir im Fernsehen diese vielen amateurhaften Laienshows zur besten Sendezeit im TV ertragen? Zu welchem Sender man schaltet, überall Leute auf der Bühne, bei denen ich bis auf ganz wenige Ausnahmen das Grauen bekomme.

Ich erwähne mein Empfinden nicht ohne Grund. Diese „Bühnenshows“ sind für Zauberkünstler, die ihren Beruf nicht von der Pike auf gelernt haben, das ideale Lehrmaterial. In negativer Hinsicht. In diesen Karnevalsveranstaltungen sehen sie nämlich, wie man es NICHT machen sollte. Überfüllte Bühnen, ein schreckliches Durcheinander, teilweise peinliche Anmoderationen.

Am schlimmsten empfinde ich viele Redner des Programms (bis auf sehr wenige positive Ausnahmen wie z. B. Bernd Stelter oder Marc Metzger alias „Der Blötschkopp“) und die Tanzgruppen.

Vor ca. zwei Jahren äußerte ich mich bereits damals schon an anderer Stelle zum Thema (ich zitiere mich nachfolgend also selbst):

„Es gibt aus meiner Sicht nichts peinlicheres, als wenn man einen „Künstler“, der auf der Bühne steht, sofort anmerkt, dass er eigentlich nicht auf der Bühne zu Hause ist. Bestes Beispiel sind die Karnevalsitzungen! Schrecklich, was man da oft im Fernsehen ertragen muss. Man sieht Leute auf der Bühne, die nicht dorthin gehören. Da schlendern Gestalten über die Bühne, die ansonsten im Showbusiness – außerhalb des Karnevals – niemals auf die Bühne dürfen. Was haben solche Personen in Fernsehsitzungen zu suchen? Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich spreche nicht nur von den Vorträgen. Die sind teilweise „ganz nett“. Nein, ich spreche von der Art, WIE sie dargeboten bzw. präsentiert werden. Die Akteure stehen auf der Bühne wie unbeholfene Kinder im Laientheater.

das-mdr-fernsehballettSchauen Sie sich mal die Tanzgruppen an. Sicher, alle geben sich die größte Mühe. Aber da sind wir wieder beim Thema: Vergleichen Sie Ausstrahlung und Präsentation von Karnevalstanzgruppen mal z. B. mit dem professionellen MDR-Fernsehballett. Die Tanzgruppen im Karneval ZEIGEN ihren Tanz nur. Technisch oft in Ordnung, aber das „gewisse Etwas“ fehlt. Die ausgezeichneten Tänzer vom MDR-Fernsehballett PRÄSENTIEREN ihren Tanz. Den Unterschied erkennt jeder Zuschauer sofort. Wenn jetzt jemand sagt „Das sind doch verschiedene Stilrichtungen“, dann kann ich nur erwidern: Es geht hier nicht um den Stil, sondern um die Präsentation grundsätzlich. Das MDR-Fernsehballett hat auch schon Karnevalstänze dargeboten – was für ein Unterschied. Da bemerkt man als Zuschauer keine Anstrengung der Akteure. Die Tänzer schauen und lächeln ins Publikum und haben einfach eine enorme Ausstrahlung. Die Bewegungen sind fließend ineinander gehend. Gelernt ist gelernt. Wie gesagt, nichts gegen „Amateurtheater“. Aber doch nicht zur besten Sendezeit im Fernsehen. Und nicht auf den öffentlich-rechtlichen Sendern.“

Meiner Meinung nach sollten ALLE Sänger, Entertainer, Comedians, Zauberkünstler usw. eine Art „Bühnenführerschein“ machen müssen.

Wer auf die Bühne will, soll sich dort auch entsprechend bewegen können. Auf einer Rummelplatz- oder Straßenfestbühne mögen solche Dinge nicht so wichtig sein. Aber wenn ich ins Varieté oder in einen guten Circus gehe, erwarte ich, dass sich die Akteure nicht wie Buchhalter, Bauarbeiter oder Sportler sondern wie ARTISTEN bewegen.

Hier ein weiterer Auszug aus einem früheren Artikel von mir:

„Viele Zauberkünstler suchen ständig die neuesten Tricks, sind aber nicht bereit, Arbeit, Zeit und auch Geld in Schauspielunterricht etc. zu investieren, um sich bühnengerecht bewegen zu können. Sie verstehen leider nicht, dass es gerade DIESE Eigenschaften sind, die sie zu einem besseren und somit erfolgreichen Künstler machen.

Wer nicht durch Unterricht gelernt hat, sich auf einer Bühne richtig zu bewegen, wird ewig auf echten Erfolg warten. Und mit Unterricht meine ich nicht einen Wochenend-Workshop, sondern eine grundsolide Ausbildung. Die Zuschauer spüren im Unterbewusstsein, ob sich der Künstler effektiv richtig bewegen kann oder nicht. Somit hat die Show – und mögen die Zauberkunststücke noch so toll sein – bei schlechter Präsentation nur mäßigen Erfolg.

446px-geniicoverv34n12Außerdem kann ich jedem Nachwuchsillusionisten nur dringend empfehlen, auch Ballett- und sonstigen Tanzunterricht zu nehmen. Die Grundlagen im Ballett sind für jede Show auf der Bühne die Voraussetzung, professionell zu wirken. Das Publikum spürt das sofort. Sowohl Siegfried & Roy als auch David Copperfield und Hans Klok hatten jahrelang Ballettunterricht. Daneben genossen Siegfried & Roy sowie Hans Klok und auch Richard Ross (um nur einige zu nennen) Unterricht bei Henk Vermeyden. Henk Vermeyden aus Amsterdam galt zu Lebzeiten in Europa als DER Fachmann und Spezialist in Bezug auf Präsentation und Wirkung der Persönlichkeit auf der Bühne. Ein knallharter Herr (was den Unterricht anging), der aber aufgrund seiner fachlichen Qualitäten bei Zauberkünstlern sehr begehrt war. Da Henk Vermeyden nicht jeden als „Schüler“ akzeptierte – wenn er z. B. spürte, dass jemand absolut untalentiert war und somit der Unterricht für beide Seiten Zeitverschwendung ist – durften sich die, die er ausbildete, glücklich schätzen!“

rudi-schweitzer-2-208x300Wenn zwei gleichgute Jongleure mit der exakt gleichen Nummer von Weltrang zur Auswahl stehen, wird sich der Circus-Direktor für den Jongleur entscheiden, der die bessere und stärkere Präsentation hat. Ich werde niemals vergessen, als genau dies einmal in meinem Beisein zur Debatte stand. Vor rund 30 Jahren bekam ich hautnah im Gespräch mit, dass der legendäre Fritz Mey-Sarrasani sich zwischen den beiden „Gentleman-Jongleuren“ (drei Bälle, drei Zylinder, drei Zigarrenkistchen) Rudi Schweitzer und Kris Kremo entscheiden sollte. Beide waren schon Stars im „Lido Paris“ und in den besten Häusern von Las Vegas engagiert. Obwohl die damalige Gage von Rudi Schweitzer deutlich höher als die von Kris Kremo ausfiel, entschied sich Fritz Mey für Rudi Schweitzer.

Ich sah in meinem Leben schon unzählige gute Jongleure.

Viele haben eines gemeinsam: Ihr technisches Können ist beeindruckend. Dennoch fehlt das gewisse Etwas. Ich sah mit meinem Sohn vor 15 Jahren im „Circus Krone“ den angeblich schnellsten Jongleur mit Keulen. Er war tatsächlich unbeschreiblich schnell. Aber er WIRKTE nicht. Trotz seines Könnens sprang der Funke nicht über. Das Publikum sah einen Jongleur, der vor sich hin jonglierte. Nicht nur mein Sohn langweilte sich während der Nummer, auch das übrige Publikum gab nur einen mäßigen Höflichkeitsapplaus.

RichiardiJrWer hier im Blog „Staunen“ meinen Artikel über „Richiardi jr.“ gelesen hat (http://www.mra.at/wordpress/richiardi-jr-erinnerungen/), weiß, wie Richiardi mich 1975 faszinierte und welche Wirkung er auf mich hinterließ. Genau diese Wirkung verspürte ich auch bei Rudi Schweitzer. Auch ihn sah ich innerhalb von 7 Monaten ca. 500 Mal im Wintergarten-Varieté des Freizeitparks „Phantasialand“. Rudi Schweitzer hatte eine so große Ausstrahlung auf das Publikum, dass die Zuschauer ihn wahrlich feierten. Ich werde nie vergessen, als Rudi privat zwischen zwei Shows durch den Park ging als ihm plötzlich eine Gruppe von jungen Parkbesuchern zujubelten. Ein mit mir damals befreundeter Platzanweiser vom Wintergarten-Varieté des Freizeitparks sagte wortwörtlich: „Pierre, das erlebe ich jeden Tag mit Rudi. Rudi Schweitzer ist bekannt wie ein bunter Hund – die Menschen mögen ihn!“

Was ich mit meinem Artikel ausdrücken möchte: Feilen Sie bitte nicht nur ständig an Ihren Tricks. Schaffen Sie sich eine Basis. Die Basis, eine Bühne überhaupt betreten zu dürfen. Damit Sie auf einer Bühne nicht hilflos, peinlich oder gar lächerlich wirken. Sie müssen eine Bühne mit Ihrer Persönlichkeit füllen. Lernen Sie, sich auf einer Bühne bühnengerecht zu bewegen. Lernen Sie, sich richtig zu verbeugen. DAS ALLES unterstreicht Ihr technisches Können und macht Sie erst zu einem wahren Künstler. Solche Dinge beeinflussen nicht nur Ihre Gage, sondern auch – was noch viel wichtiger ist – den Erfolg beim Publikum.

Eine bekannte Direktorin eines weltbekannten Circus sagte mal im Fernsehen: „Momentan haben wir viel Nachwuchs, was Circus- und Varietédarbietungen angeht. Diese jungen Leute sind technisch auch gar nicht schlecht. Aber in ihren Nummern fehlt irgendwas. Das gewisse Etwas! Man spürt, dass diese Akteure keine echten Artisten sind. Diese Leute kommen von „Privat“ (also nicht aus Artistenfamilien). Und das merkt man an ihrer schlechten Präsentation der Darbietungen.“

Das gewisse Etwas kann man nirgendwo kaufen.

Eigentlich auch nicht lernen. Man schaue sich nur die vielen Nachwuchsakrobaten aus den Circus-Schulen an. Man erkennt solche Nummern (im negativen Sinne) sofort. Und mögen sie technisch noch so perfekt sein. Ausstrahlung und das gewisse Etwas lernt man auf keiner Schule. Man hat es oder man hat es eben nicht.

Allerdings kann man lernen, auf einer Bühne die gröbsten Fehler zu vermeiden. Man kann sich die erwähnte Basis aneignen. Damit der Zuschauer sieht: Der Vorführende gehört auf die Bühne. Er kann sich dort gut bewegen und wirkt souverän. Er wirkt selbstsicher und der Zuschauer spürt, dass die Bühne sein zu Hause ist.

Denn in den letzten Tagen während der Karnevalssitzungen konnte man zu Genüge sehen, wie peinlich es wirkt, wenn sich jemand auf einer Bühne nicht publikumswirksam bewegen kann. Nehmen Sie diese vielen abschreckenden Beispiele aus den Karnevalstagen zum Anlass, an sich zu arbeiten.

Viele Zauberkünstler suchen ständig die neuesten Tricks, sind aber nicht bereit, Arbeit, Zeit und auch Geld in Schauspielunterricht etc. zu investieren, um sich bühnengerecht bewegen zu können. Sie verstehen leider nicht, dass es gerade DIESE Eigenschaften sind, die sie zu einem besseren und somit erfolgreichen Künstler machen.

Nicht Ihre Tricks verzaubern Ihr Publikum – sondern Sie. Mit Ihrer Persönlichkeit und Ausstrahlung.

Bis zum nächsten Mal,

Ihr Pierre Castell



Kategorien:Info:

Schlagwörter:

3 replies

  1. ich seh‘ das problem nicht.

    karneval war auf allen kanaelen zu guggen.
    das hat doch den eindeutigen vorteil, daß die auwahl riesengross ist und daß fuer jeden etwas dabei ist.

    ich masse mir nicht an, meine meinung und meinen geschmack fuer allgemeingueltig zu erklaeren.

    es gab sendungen, die fand‘ ich toll (sie haben vergessen guido cantz zu erwaehnen neben dem bloetschkopp und bernd stelter) und ich hab‘ mich daran erfreut und sie bis zum ende geguggt und mein zwerchfell strapaziert und mich herrlich entspannt.
    und es gab sendungen, bei denen hab‘ ich nach wenigen sekunden weitergezappt-dafuer ist die fernbedienung da.
    unter meinen freunden sind menschen, die sich an sendungen erfreuen, die mir nicht gefallen. so what.

    vollkommen unberechtigt finde ich die kritik an den tanzgruppen, die ich ganz anders erlebt habe:
    die teilweise noch sehr jungen leute leisten sportlich unglaubliches und gehen an die grenzen ihrer kraefte. trotzdem singen sie waehrend ihrer darbietungen noch mit und-vorallem eines-sie LAECHELN in das publikum!!!!!!!!!! und das, obwohl sie sich tage und wochen, teilweise monate vorher total auspowern und von umzug zu umzug und von sitzung zu sitzung hetzen. daß muß man denen mal nachmachen, bevor man die qualitaet deren auftritte kritisiert. mir sind die herzerfrischenden natuerlichen jungen menschen der tanzgruppen weitaus sympatischer als die leute vom fernsehballett.

    und wem das alles nicht gefaellt, der guggt sich die mainzer sitzung an, da wird wenigstens politisch korrekt und deutlich stellung bezogen.

    ich freu‘ mich schon auf naechstes jahr!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    • Hi Joe,

      hast Du bei Aldi deine vielen Ausrufezeichen im Dutzend billiger erhalten?

      • failanzeige
        die gibt’s nur beim office discount und ab und zu mal bei staples
        aldi hat nur essen und trinken und klamotten für dünne leute

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: