Sehsinn – ein persönliches Erlebnis

darkWir nehmen mit unseren Sinnen die Welt um uns auf:
Sehsinn, Geruchsinn, Geschmacksinn, Tastsinn, Gehörsinn.
Manche Menschen behaupten auch den 6-ten Sinn zu haben, den wollen wir für diese Betrachtung einmal vernachlässigen

Als Zauberkünstler sind wir auf diese Sinne angewiesen und nutzen Sie auch um gewisse Täuschungen zu erzielen. Während Sehsinn und Gehörsinn naheliegend sind, macht man sich über Geruch-, Geschmack- und Tastsinn weit weniger Gedanken. Trotzdem würde es einmal Sinn machen, seine Kunststücke darin zu untersuchen in wie weit Geruch-, Geschmacksinn eine Täuschung verstärken können.  Für den Tastsinn gibt es ja ein sehr gutes Beispiel: Die Gefühlsbox in der Boretti oder Haken Varol Technik.

Was aber, wenn man vor einem Blinden zaubern soll? Ich hatte vor vielen Jahren einmal ein sehr prägendes Erlebnis. Bei einer Zaubervorstellung vor einer Gruppe von Jugendlichen saß in der ersten Reihe ein Mädchen dem die Vorstellung scheinbar bestens gefiel. Sie strahlte über das ganze Gesicht. Nach der Vorstellung kam es zu mir und fragte, ob ich etwas für sie zaubern könne, sie sei blind.

Das hat mich damals motiviert, ein Kunststück zu lernen, das für einen Blinden tatsächlich fühlbar ist.

Dieses Erlebnis und die Bekanntschaft zu einem anderen Blinden hat mich motiviert mich mit dem Thema weiter zu befassen. Dies führte mich unter anderem auch in „Dunkelrestaurants“, wo man in totaler Dunkelheit essen kann.

Was ich früher als Klamauk oder als eine besondere Form von Speeddating für experimentierfreudige Partnersuchende angesehen habe, entpuppte sich als ein ganz spezielles Erlebnis, das ich bisher zwei   Mal – in Wien und in Berlin – erlebt habe.

Der Abend beginnt mit dem Eintreffen im entsprechenden Lokal, wo man instruiert wird. Man wählt auch die Grundrichtung seines Menüs aus (Fisch, Fleisch, Vegetarisch oder ein Überraschungsmenü). Ich empfehle eindeutig das Überraschungsmenü um tatsächlich das Erlebnis  voll und ganz erleben zu können. Handy´s komplett aus, Uhren mit Leuchtzifferblatt müssen abgenommen werden, damit es in keinem Fall auch nur die kleinste Lichtquelle gibt. Dann geht es in die komplette Dunkelheit und man wird einem „Betreuer für den Abend“ übergeben.
Dieser Mensch ist entweder komplett blind bzw. stark sehbehindert da er sich ja in der absoluten Dunkelheit des Restaurants zurechtfinden muss.
Man wird an einen Tisch geführt und nimmt Platz. Man orientiert sich mit Hilfe seines Betreuers am Tisch. (wo steht das Glas, das Besteck, Serviette, wer sitzt neben mir etc.)
Es ist zuerst unheimlich bedrückend im Dunkeln zu sitzen. Leichte Panik kann aufkommen. Die beruhigende Stimme des Betreuers sorgt dafür, dass man sich bald sicherer fühlt.
Man hört viele Stimmen im Raum, versucht sich vorzustellen wo man sich befindet, wie viele Tische wohl im Raum stehen etc. Dann kommt auch schon die Getränke. Wie schenkt man in ein Glas ein? Wie stoßt man auf den Abend mit seinen Begleitern an? Fragen über Fragen….
Dann das Essen. Mit den Fingern und dem Besteck versucht man zu essen. Was steckt man in den Mund, was könnte es sein. Man lässt sich Zeit, riecht, schmeckt und fühlt. Dinge die man sonst nur bedingt braucht, die verkümmert sind, weil man sich nur noch auf den Seesinn verlässt. Die Betreuung am Tisch erklärt und löst das Rätsel um das Überraschungsmenü schrittweise auf. Erstaunen.
Der Respekt wächst vor Menschen, für die diese Dunkelheit Alltag ist.
Je nach Veranstalter gibt es zwischen den Gängen verschiedene Erlebnisse. Ich komme darauf weiter unten zurück in meiner Besprechung der beiden Restaurants, die ich erlebt habe.

Wer auf die Toilette muss, ruft den Namen seines Betreuers und wird vom Tisch abgeholt und nach draußen gebracht. Es empfiehlt sich daher vorher seinen Bedürfnissen nachzukommen um dann die 2 – 3 Stunden in Ruhe in Dunkelheit zu verbleiben.

Es ist natürlich kein Abend den man allein in der Dunkelheit verbringen sollte. Gerade die Kommunikation untereinander ist wichtig und auch unterhaltsam. Mehr wie 4 – 6 Personen würde ich nicht empfehlen denn man kann sich sonst schlecht orientieren. Wenn man in einer größeren Gruppe kommt, beschränken sich dann die Gesprächspartner auf  die direkt angrenzenden Personen.

Wenn man später nach draußen kommt, genießt man plötzlich etwas, was man bisher als so selbstverständlich angesehen hat. Man sieht die Dinge.

Es gibt inzwischen einige solche Projekte in Großstädten. Ich kann nur über die folgenden zwei Restaurants etwas konkretes sagen. Wie überall auf der Welt gibt es verschiedene Qualitäten und Ansprüche. Ich hatte aber jedenfalls Glück bei meinen Besuchen:

 

Dunkelrestaurant & Dunkelbühne NOCTI VAGUS
2. Innenhof in der historischen Backfabrik
Saarbrücker Str. 36-38
10405 Berlin

Tel: 030 / 74 74 91 23 (Telefonische Reservierung und Beratung täglich 10 – 22 Uhr)
Fax: 030 / 74 74 91 26
kontakt@noctivagus.de
www.noctivagus.de

Das Lokal liegt in einer alten schön restaurierten Backfabrik im Osten von Berlin (20 Min zu Fuß vom Fernsehturm). Sehr freundliche Einführung vor der Veranstaltung. Ein kleiner Vorgeschmack der Küche, Getränkebestellungen im Hellen. Dann wurden wir im Dunkeln (3 Personen) an unsere Betreuerin Susi übergeben.  Das Essen ist hervorragend. Die Auflösung meines Überraschungsmenü´s erfolgte allerdings nur teilweise. Ich war viel zu viel mit Fragen an Susi über Ihre Blindheit beschäftigt. Es ist ja auch eine gute Gelegenheit über dieses Thema kompetente Antworten zu bekommen. Nach dem Essen gab es noch eine Show, die dort immer am Wochenende stattfindet. Es gibt Musikshows, Lesungen, Kriminalstory´s und ein Gruselevent. Am Wochenende ist eine Buchung nur zum Essen nicht möglich.
Da ich nur für ein Wochenende hier war blieb nur der Abend mit dem Gruselevent. Die 40 minütige Show besteht darin, dass eine gruselige Story erzählt wird, unheimliche Musik gespielt wird und man Personen fühlt, die Geräusche machen oder einen mit Tüchern bzw. Fäden berühren. Das Gekreische ist je nach Nervenkostüm der Teilnehmer unterschiedlich laut.
Ich war jedenfalls froh als der Spuk dann ein Ende hatte und fand es sehr schade, dass dieser für mich sinnliche Abend etwas klamaukhaft endete. Ich kann mir andere Formen einer Show sehr gut vorstellen, aber der Gruselabend fand ich kontraproduktiv.  Allerdings scheinen sich viele sehr amüsiert zu haben.
Nach dem Abend wird man nach draußen geführt. Dort konnte ich in der Dämmerung noch ein wenig Susi wahrnehmen, zu der man doch eine gewisse Beziehung im Dunkeln aufbaut. Allerdings nur flüchtig…
Fazit: Ein schöner Abend, lehrreich, gut betreut, gutes Essen. Die Gruselshow muss es für mich nicht mehr sein.

 

VIER SINNE
Huttengasse 83, 1160 Wien
Telefon: 0699 1 4444 007
E-Mail: kontakt@viersinne.at
www.viersinne.at
https://www.facebook.com/Dinner.in.the.Dark.VierSinne?fref=ts

In diesem Lokal war ich vor ca. 2 Jahren mit Arbeitskollegen in Wien.
Man trifft sich in einer schummerigen Bar, wo man ein erstes Getränk nimmt um dann auch abgeholt zu werden. Man erhält ebenso einen sehr kompetenten Betreuer für die Dunkelheit.
Die Besonderheit hier ist, dass die Gänge mit Riech- und Fühl Erlebnissen unterbrochen werden. Das finde ich eine großartige Ergänzung, man ist noch enger mit der Welt der Blindheit konfrontiert und lernt seine anderen Sinne besser kennen. Es ist eine  Herausforderung und sehr unterhaltsam, wenn man versucht Gerüche zuzuordnen.

Was ich sehr schön fand, war, dass man nach der Show aus dem Raum geführt wird und sich in der Bar zum Ausklang trifft. Hier sieht man dann auch die anderen Gäste und vor allem die Betreuer, die mit in die Helle Welt kommen und sich in aller Ruhe mit dir unterhalten können. Hier sind sie nun in „deiner Welt“ des Lichts. Die sicheren Betreuer der Dunkelheit wirken hier zerbrechlicher und verletzlicher. Gerade dieses Treffen in der Bar fand ich einen sehr schönen Ausklang.

Fazit: Toll! Ich kann dieses Lokal nur jedem empfehlen. Besser gehts wohl nicht mehr. Geht mal hin und erlebt mit jemand der euch nahe steht (Partner, Familie oder Freunde) diesen Abend gemeinsam. Ihr werden sehr lange daran denken. Es ist ein fröhlicher Abend aber mit Tiefgang und mit nachhaltigem Eindruck. Nach dem Abend werdet ihr Blindheit mit anderen Augen (Sinne) sehen.

Es braucht etwas Mut, der aber reich belohnt wird.

Foto: Vier Sinne – Wien



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