Hamburger Zaubernächte 2011

Die Hamburger Zaubernächte:

In Zeiten wo  unsere Kunst zu einem Pausenfüller zwischen Galaessen oder Seminaren zu verkommen droht, sind Initiativen eines Zaubertheaterfestivals s zu begrüßen.

Das Publikum kommt und zahlt eigens dafür Zauberei zu sehen, der Künstler kann einen Abend künstlerisch eigenverantwortlich gestalten.

Wenn wir als Kunst ernstgenommen werden wollen, müssen wir Zauberei ernst nehmen. Welcher ernsthafte Schauspieler oder Sänger würde wohl zwischen Haupt und Nachspeise mal rasch an den Tisch kommen und ein Liedchen zu singen?

Gott sei Dank gibt es in Deutschland einige begrüßenswerte Initiativen in den letzten Jahren. Die Magic Mondays in einigen Städten Deutschlands, das wundervolle Close-up Theater Kirst & Münch in München, Zaubersoireen von Magic Christian bzw. erfolgreiche Soloabende der Magic Mushrooms in Österreich um nur einige zu nennen.

Wittus Witt ist ein steter Kämpfer für diese Art der Zauberei. Erfahrungen konnte er mit dem Mühlheimer Zauberfestival bereits Erfahrungen sammeln. Nun startete er in seiner neuen Wahlheimat Hamburg eine neue Initiative: „Die 1. Hamburger Zaubernächte“.

An drei Abenden wurden jeweils Soloprogramme renommierter Zauberkünstler im Hamburger Kellertheater aufgeführt.

Die gute Öffentlichkeitsarbeit und die Bekanntheit von Wittus Witt machen sich bezahlt. Schöne Artikel in der Hamburger Presse sorgen dafür, dass alle drei Veranstaltungen restlos ausverkauft sind.

Die drei Programme von Thomas Otto, Manuel Muerte und Wittus Witt können unterschiedlicher nicht sein. Es ist eine gute Auswahl dem Laien die vielfältigen Möglichkeiten von Zauberprogrammen zu präsentieren.

Alle drei Künstler sind in der Fachwelt bekannt, eine konventionelle Besprechung würde Sie vielleicht langweilen. Deshalb versuche ich meine Eindrücke zu vermitteln, die ich persönlich, aber auch Eindrücke von Laien mit denen ich mich unterhalten habe, wiederzugeben.

„Mit Hirn, Scharm und Zitrone“ nennt Thomas Otto sein Programm.

Er ist der Verblüffungskünstler, der mit Klassikern selbst bei Kollegen Staunen erzeugt. Er perfektioniert die Täuschung. Ihm ist kein Weg zu mühsam, um dem Zuschauer den Boden unter den Füßen zu ziehen. Bei ihm erlebt man, was das Wesen der Zauberkunst ausmacht: „Staunen“. Wunderschöne Ideen verknüpfen die Programme, Spannung, Spaß und Poesie wechseln sich ab und schaffen den perfekten Zauberabend. Alles wirkt spielerisch und leicht.

Man merkt Thomas Otto an, dass er viel Routine durch seine zahlreichen Engagements im Varieté hat. Und doch wirken eine Gags frisch und nicht verstaubt. Seine Bühnenpräsenz ist sehr stark.

Er erzählt mir später, dass seine Arbeit im Varieté ihm die Möglichkeit gibt, mit phantastischen Künstlern zu arbeiten und viel zu lernen. Er nennt dabei die Jonglierlegende Kris Kremo.

Das Hamburger Publikum ist verzaubert. Mit einem Leuchten in den Augen und kopfschüttelnd verlassen die Zuschauer das Theater.

Für jeden Zauberfreund muss an diesem Abend sich das Herz öffnen. Der Abend allein war die lange Fahrt nach Hamburg wert.

Als ich das Theater verlasse fällt mir ein Mitglied des lokalen Magischen Zirkel auf, der vor dem Theater den Zusehern erklärt wie der Geldschein wohl in die Erdnussdose gekommen ist. Es macht mich traurig zu sehen, dass manche, die sich Zauberer schimpfen, sich wichtig machen müssen und wohl nicht ertragen ihre Mittelmäßigkeit an einem solchen Abend vor Augen geführt zu bekommen.

Einen völlig anderen Ansatz verfolgt Manuel Muerte mit seiner kongenialen Partnerin Frau Busoni in seinem Programm: „Das methapysische Kabinett. Es ist ein Kontrastprogramm, das man gesehen haben muss um es zu begreifen.

Die schrägste Zauberparodie die ich kenne. Aberwitzige Figuren, ein ständiges Überschreiten  des harmonischen Weltbild des Zauberers, harte und oft grenzwertige Effekte bewegen das Publikum.

Dieses Programm mag man oder hasst es. Es bewegt und lässt nicht kalt. Manuel Muerte verkörpert den Illusionisten so genial, kompromisslos, dass man ihm nicht böse sein kann.  Ihm ist kein Aufwand zu groß um einen Gag zu landen. Highlights wie der Gang durch die Serbische Bohnensuppe, die Ringschleuder, Manulito die aggressive und depressive Bauchrednerpuppe sind für mich Highlights.

Wenn Manuel Muerte sich dann schließlich als Hobbychirurg outet, stöhnen selbst die hartgesottensten Ignoranten auf und begreifen, dass hier ein Mann am Werk ist, der kompromisslos Emotionen erzeugen möchte auch auf die Gefahr hin, „nicht zu gefallen“.

Dass dabei Comedy und starke Täuschung sich nicht ausschließen muss und ohne billige Effekthascherei funktioniert, ist für mich eine der großen Stärken des Programms.

Das Programm, das ich vor 7 Jahren das letzte Mal gesehen habe ist offenbar auch ständig in Bewegung und Entwicklung. Vieles hat sich geändert, ist optimiert worden.

Das eher gesetzte konservative Publikum unterhält sich großartig. Ein paar haben sich den Abend etwas anders vorgestellt und sind verstört. Anderen ging es dabei vielleicht zu weit. Aber es war ein Abend der bewegt und getäuscht hat und viele werden noch lange daran denken. Vielleicht ist in ihren Augen Manuel nicht der ideale Schwiegersohn, aber möchte er das sein?

Das Theaterfestival Hamburg endet mit dem Soloprogramm von Wittus Witt.

Mit dem Programm „Halbe Wahrheit, ganzes Vergnügen“ lässt Wittus die Zuschauer in einem raffinierten Programmansatz teilweise in die Karten schauen. Sie lernen raffinierte Methoden kennen, um ein paar Minuten später doch wieder dieses Gefühl der Täuschung kennenzulernen, wenn Wittus plötzlich zeigt, dass der gezeigte Ansatz eben nur eine von vielen Möglichkeiten ist.

Er vermittelt dem Zuschauer, dass das Wissen des Geheimnisses ihn um das Vergnügen der Täuschung bringt.

Gerade wir Zauberfreunde haben das doch selbst am eigenen Leib erlebt. Erinnern wir uns doch einmal daran. Wir waren zu Beginn fasziniert von der Zauberkunst, weil sie uns täuschte. Wir haben uns näher mit der Zauberkunst beschäftigt, haben Geheimnisse erfahren. Wir sind schließlich die Experten, die Vorführungen nur noch nach Griffen und Methoden beurteilen. Wir haben einen hohen Preis für unser Wissen gezahlt. Wir haben dieses  wundervolle Gefühl verloren, getäuscht zu werden.

Deshalb sind wir dann so glücklich, wenn in der Szene Zauberkünstler wie z.B. Armando Lucero oder Thomas Otto auftauchen, die uns täuschen und dieses Gefühl zurückgeben.

Wittus Witt ist ein intelligenter Sprecher, der sich spielerisch diesem Thema nähert. Er lässt seine Zuseher aktiv mitmachen, lüftet zumindest teilweise den Vorhang ohne den faden Geschmack der Desillusion zu riskieren.

Die Zuschauer nehmen an diesem Abend dieses Spiel dankbar an und haben viel Spaß dabei. Es herrscht eine fröhliche Stimmung im Publikum, das an diesem Abend mehrheitlich aus Laien besteht.

Doch auch für uns Insider sind Perlen dabei. Die Eröffnung mit der wiederhergestellten Zeitung führt originell in das Thema ein, seine Version des Mona Lisa Puzzles ist tricktechnisch auch für Insider raffiniert und undurchschaubar. Für mich die beste Version dieses Kunststücks.

Wittus beweist, dass Weniger oft Mehr ist.  Keine verspielten langatmigen Zauberroutinen die langweilen, sondern  kurze und klare Effekte die den Wunsch nach mehr wecken

Sehr schön der Rythmus der Vorstellung, wo Sprechnummern und musikalische verträumte Routinen sich abwechseln. Dabei zeigt Wittus, was in – für Zauberer – oft abqualifizierten – Effekten wie z.B. der Zombiekugel herauszuholen ist. Auch hier kurz und prägnant aber auch deshalb so kurzweilig.

Dieses Spiel mit den Gedanken begeistert das Publikum. Lange anhaltender Applaus ist der Beweis. Schön auch, das Wittus nach der Vorstellung beim Ausgang steht, sein Publikum verabschiedet, Worte wechselt, sich angreif- und begreifbar macht.

Ich warte draußen und beobachte die Leute, die mit einem Lächeln das Theater verlassen. Ein schönes Gefühl.

Der Kreis schließt sich, den in der ersten Reihe sitzt der Zauberer des Hamburger Zirkel vom ersten Tag. Diesmal zeigt er seiner Nachbarin wie er ein Tüchlein in einer Daumenspitze verschwinden lässt. Meine Nachbarin raunt mir zu: „er hat es in seinen Finger gesteckt.“ Ja, das war leider auch sehr gut von unserem Sitzplatz zu sehen.

„Ganze Wahrheit – kein Vergnügen“ Quod erat demonstandum.

Hanno Rhomberg, 2011
Auszug aus einer Veröffentlichung der Fachzeitschrift „Magische Welt“ von Wittus Witt.
Diese Zeitschrift ist sehr empfehlenswert für alle Zauberfreunde und kann hier Abonniert werden:

www.magischewelt.de



Kategorien:Hamburger Zaubernächte 2011, Review

Schlagwörter: ,

%d Bloggern gefällt das: