19. Historiker- und Sammlertreffen 2011

Hamburg19. Sammler und Historiker Treffen Hamburg 2011

1. Zaubernächte Hamburg 2011

„Du wirst alt“, ätzten die Jungs der Jugendgruppe des Zirkels, als ich ihnen erzählte, dass ich zum Historiker Treffen nach Hamburg fahre.

„Da sind doch nur die alten Säcke die nur herumreden und nicht mehr aktiv zaubern“, bekomme ich zu hören.

Was für junge Kollegen vielleicht skurril erscheint ist in anderen Kunstsparten doch selbstverständlich. Die Beschäftigung mit den Ursprüngen und Entwicklung einer Kunst, ist Grundvoraussetzung diese weiterentwickeln zu können.

„Sich seiner Vergangenheit bewusst zu sein, heißt Zukunft haben.“(Hans Lohberger)

Die Vergangenheit ist eine Quelle der Inspiration. Vieles was heute in DVD´s als Einzeltrick vermarktet wird, war vor ein paar Jahren Allgemeinwissen. Über 100 jährige Patente enthalten eine Fülle von Inspiraion, auch für den modernen Zauberkünstler.

Wie kann man sich so ein Treffen vorstellen?

Der Teilnehmerkreis kam aus Deutschland, Luxemburg und Österreich, das Alter zwischen 30 und 80 Jahren. Der Kreis der Interessierten vom Liebhaber der Zauberkunst, Sammler, Historiker bzw. Wissenschaftler bis hin zum erfolgreichen Profi.

Allen ist die Leidenschaft für die Zauberei gemeinsam. Viele der Teilnehmer sind aktiv ins Programm eingebunden.

Es herrscht eine offene Atmosphäre, als Neuling wird man sehr freundlich aufgenommen. Es gibt keine Vereinsstruktur sondern es ist ein freies Treffen ohne Konventionen.

Es geht dabei aber zur Sache. So hörten wir in den 3 Tagen 14 Vorträge zu den unterschiedlichsten Themen der Zauberkunst.

Bereits zum 19. Mal findet in Deutschland dieses Treffen statt, dieses Jahr organisiert von Wittus Witt in Hamburg. Genialerweise kombinierte Wittus Witt dieses Treffen mit dem gleichzeitig stattfindenden Zaubertheater Festivals, an dem an drei Abenden 3 Soloprogramme im Hamburger Kellertheater für Laien aufgeführt wurden.

So wurde dieses „Treffen der Historiker und Sammler“ mit moderner Theaterzauberkunst konfrontiert, was sich als Glücksfall herausstellte, da so der Faden von der Vergangenheit zur Gegenwart gezogen wird.

Das Treffen begann mit einem zwanglosen Empfang in der Kanzlei von Herrn Rawert. Bei einem Libanesischen Buffet, trafen sich alte Bekannte bzw. wurden neue Teilnehmer sehr offen aufgenommen.

Der Hausherr Rawert begrüßte die Gäste und erinnert in launigen Worten daran, dass vor einigen Jahren die Kanzlei bei einem Sammlertreffen fast in Flammen aufging, als ein Referent ein chemisches Experiment aus dem 19. Jahrhundert vorführte. Da es sich dabei um einen Österreicher handelt, möchte ich den Mantel der Verschwiegenheit darüber ausbreiten.

Der nächste Tag beginnt im Kellertheater, wo Wittus Witt an die 40 Teilnehmer begrüßt.

Und dann geht es schon los. 14 Vorträge präsentiert von Menschen, die teilweise Ihr Leben der Forschung und Sammlung gewidmet haben. Zeitzeugen, Nachkommen von Zauberlegenden, Wissenschaftler, Liebhaber. Es ist eine faszinierende Gruppe.

Der Bogen spannt sich an den drei Tagen von politischen Themen, Erfindungen, bekannte Zauberkünstler, Zaubertechniken und ihre Geschichte, historischen Darbietungen, Sammeln von Büchern bis hin zur Geschichte des Liedes „Simsalabim“.

„Die Geschichte des Magische Zirkel der DDR“ von Stefen Taut

Was verbirgt sich im Archiv des Magischen Zirkels? Die Wahrheit über die Rolle des Staates, wie Zauberkunst Grenzen und Verbote überwinden kann. Ein für mich als Österreicher ein unvorstellbares und daher spannendes Thema.

„Die Geschichte der holländischen Zauberkünstler seit Eliazer Bamberg“ von Flip Halema

Flip der bekannte Profi aus Holland, aus ihm sprüht die Begeisterung für seine Kunst, selbst beim Vortrag greift er in die Trickkiste und erinnert daran, dass es um Zauberei geht. Mit vielen Bildern zeigt er die Persönlichkeiten die die Holländische Zauberszene geprägt haben. Er kennt viele davon persönlich, was dem Vortrag authentisch und fesselnd macht.

„Gebrauchsschutzmuster- /Patentanmeldungen“ von Birgit Bartl-Engelhardt

Die Enkelin von Janos und Rosa Bartl spricht über Patente und Gebrauchschutzmuster ihres Großvaters. Das Kopie nicht eine Erfindung der heutigen Zeit ist wird klar.

Frau Bartl ist  in ihrem Vortrag bemüht, die Geheimnisse der Patente trotzdem nicht ganz zu zeigen. Das macht sie sympathisch und lässt den Großvater nicht verleugnen.

Dass Bartl aber auch abseits der Zauberkunst Patente hatte war mir neu. Unter anderem gehörte auch der Lockenwickler dazu.

„Schaustellungen und Volksbelustigungen auf Leipziger Messen des 19. Jh. Von Gabriele Klunkert.

Frau Klunkert hat zu diesem Thema ihre Dissertation geschrieben. Aus Anträgen der Artisten an den Veranstalter und Ankündigungszetteln lässt sie Schausteller, Attraktionen, die Lebensumstände der damaligen Artisten zu neuem Leben erwachen. Eine seltsameWelt tut sich auf, erinnert an Publikationen von Ricky Jay, geht aber wesentlich mehr in die Tiefe. Der Vortrag hat mich motiviert ihre – bei Amazon – erhältliche Dissertation zu kaufen. Eine Fundgrube für Interessierte!

„Ottokar Fischer“ von Magic Christian

Ottokar Fischer ist durch seine Publikation über Hofzinser, als Theater Direktor des Kratky-Baschik’s Theaters im Wiener Prater bekannt.  Magic Christian stellt den Mensch Ottokar Fischer in den Mittelpunkt seines spannenden Referats. Seine mutige Haltung im 2. Weltkrieg, sein Rückzug vom Magischen Zirkel nach dem Anschluss im Hitlerregime zeigt ein neues Bild von einem Mann der mit Houdini, Hermann, Okito und vielen anderen prominenten Zauberkünstler seiner Zeit befreundet war.

„Dr. Rohnstein: Erfinder und Kontrukteur“ von Peter Schuster

Peter Schuster präsentiert Kreationen des Arztes und Zauberkonstrukteurs Dr. Rohnstein. Seine Kreationen waren aus „billigen Werkstoffen“ wie Pappe hergestellt und kunstvoll bemalt. Er hat Exponate aus seiner Sammlung mitgebracht.  Lebendige Vergangenheit.

Schuster präsentiert auch einen kunstvoll gestalteten Band seiner „Magischen Tagebücher“.

„Historische Betrachtung zur Simsalabim Musik“ von Argola

Beschwingt mit der Musik aus der Kalanagshow startet Argola seinen Vortag zum Zauberlied Simsalabim. Noch heute verwendet der Magische Zirkel Berlin bei seinen Shows dieses Lied zum Finale seiner Vorstellungen.

„Magier auf Leipziger Messen im 19. Jahrhundert“ von Gabriele Klunkert

Frau Klunkert konzentriert sich im zweiten Teil ihres Referates auf die Zauberkünstler, die auf den Leipziger Messen aufgetreten sind. Welche Darbietungen haben sie präsentiert, wie war die Konkurrenzsituation, woher kamen die Künstler. Sie präsentiert illustrierte Ankündigungszettel die einen Eindruck dieser Zeit geben.

„Bibliophiles Sammelsurium – Kurioses aus der Welt der Zauberbücher“ von Peter Rawert

Peter Rawert ist ein guter Erzähler. Er berichtet aus dem Leben des Büchersammlers, seinen Leiden, Nöten und Ängsten auf der Jagd nach Erst-, Zeit-, Drittausgaben. Die Suche nach dem ultimativen Schnäppchen erinnert an Abhängigkeiten, die ich bislang nur im medizinischen Bereich kennengelernt habe. Sein Sammlerfreund Volker Huber und er scheinen so manchen freundschaftlichen Kampf auf der Suche nach Raritäten ausgemacht zu haben. Obwohl da oft auch bitterer Ernst zu herrschen scheint, zumindest kurzfristig.

„Wie Kassner Kasse machte“ Volker Huber

Volker Huber konzentriert sich bei seinem Vortrag auf die Ankündigungsplakate mit denen Kassner seine Shows ankündigte. Sie geben einen Eindruck von der Zeit der großen Wandershows, dem harten Konkurrenzkampf der Attraktionen, die sich immer mehr übertrumpften. Zumindest in der Werbung. So gesehen, hat sich bis zum heutigen Tag wenig verändert.

„Die Geschichte der Mnemotechnik“ von Peter Benninghaus

Interessant, dass Mnemotechnik bereits über 2.500 Jahre alt ist. Eine Wissenschaft, die vor Erfindung des Buchdrucks im Alltagsleben einen wesentlichen Beitrag leistete. Das achteckige Taschentuch, damit man sich mehr als 4 Dinge merken kann…

Peter Benninghaus präsentiert die spannende Geschichte dieser Technik die schließlich auch in der Zauberkunst Einzug hielt. Dabei zeigt er praktische Beispiel aus seiner Sammlung.

„Carl Willmanns handgeschriebene Kunststücke“ von Marco Habermann

Carl Willmann, der seine Zauberkunststücke mit umfangreicher handschriftlicher Korrespondenz übermittelte, wird von Marco Habermann präsentiert. Der  Originalschriftverkehr zwischen Willmann und dem „Dilettanten“ Adolphe Blind (1870-1902) ist dazu ein spannender Zeitzeuge.

Habermann, greift dann selbst zum Zauberstab und präsentiert zwei Willmann Kunststücke.

„Der Zauberkünstler Paul Scheldon“ von Wittus Witt

Wittus beleuchtet den Zauberkünstler Paul Scheldon, der sich u.a. durch die Präsentation von Aufsitzer Effekten einen Namen gemacht hat. Auch so manches Kunststück (Die Badenixe) kommt von ihm. Eine Überraschung erwartet die Teilnehmer. Wittus hat ein unbekanntes wunderschönes Bild von Paul Scheldon entdeckt und erstanden. Er hat für alle Teilnehmer einen Nachdruck herstellen lassen.

„Zauber der Vergangenheit“ Hermann Sagemüller

Hermann Sagemüller hat sich besonders mit der Jonglage beschäftigt. Über 10.000 Jongleuren hat er Informationen zusammengetragen. Seine Bibliographie der Zeitungen und Zeitschriften für Circus, Artistik, Showgeschäft ist einzigartig, seine Quartalsschrift „Circus Archäologie“ behandelt auch Zauberkünstler und ihre Programme.

Humorvoll schildert er seine Leidenschaft. Unglaublich, was ohne Menschen wie ihn in Vergessenheit geraten würde.

Neben den Vorträgen gibt es gemeinsame Essen, Besuch der Miniaturwelt, des Gewürzmuseum und natürlich viele persönliche Gespräche.

Die Zaubernächte über die gesondert berichtet wird runden die Veranstaltung perfekt ab.

Das Treffen ist liebevoll betreut von Wittus Witt seiner Partnerin Susanne Herbst, die dafür sorgen dass man sich wohl fühlt.

Ich hoffe dass einige der Vorträge Einzug in den ein oder anderen Artikel der Magischen Welt finden und so einem größeren Kreis zugänglich werden. Dass Geschichte spannend ist hat dieses Treffen eindrücklich bewiesen.

Hanno Rhomberg 2012

Dieser Artikel war Teil einer Veröffentlichung in der Magischen Welt, dem deutschsprachigen Zauberfachmagazin von Wittus Witt.
Es ist per Abonnement erhältlich unter: www.magischewelt.de



Kategorien:D. Historiker und Sammlertreff Hamburg 2011, Insider

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

%d Bloggern gefällt das: